Recomposing

Was meint Tom Schröpfer mit Recomposing? Kurz zusammengefasst handelt es sich hierbei um die menschliche Kompostierung. Eine ausführlichere Erklärung bietet dir dieses Gespräch mit Tom:

Tom, im Buch wünschst du dir, dass recomposing möglich wird. Doch ehrlich gesagt, habe ich davon zuvor noch nie gehört. Was ist das genau?

Recomposing ist eine Bestattungsart, die in den vergangenen Jahren ihre ersten Schritte in den U.S.A. machte und dort derzeit von einer gemeinnützigen Organisation (RECOMPOSE) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Verstorbene werden in dieser Bestattungsart ohne besonderes chemisches Hinzutun im Transformationsprozess zu Muttererde, und bleiben so Teil des natürlichen Kreislaufs.

Recomposing heißt übersetzt wieder/neu zusammensetztend, wobei die Nähe zum Wort decompose (dt. zersetzen/zerfallen) und compost (dt. Kompost) sicher nicht ungewollt ist. Diese Wortbedeutungen sagen genau das aus, worum es den Initiator*innen geht: eine ökologisch nachhaltige Bestattungsart entwickeln, die auch aus ritueller Sicht anschlussfähig für die Vorstellungen und Praktiken all jener ist, die bislang nur von Feuer- und Erdbestattungen gehört haben.

Wie kann ich mir dies konkret vorstellen?

Die rein biologische Perspektive des Recomposing ist schnell erzählt:

Die verstorbene Person wird zusammen mit Holzspähnen, Stroh und Luzerne (Klee) in eine leichte, schnell vergängliche Decke gehüllt und anschließend auf weiteres Pflanzenmaterial gebettet sowie davon umgeben. Die nächsten dreißig Tage wird Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid sowie Stickstoff in dieses Pflanzenbett zugeführt. So wird der Prozess beschleunigt, in dem die in und auf dem Körper natürlich vorkommenden Mikroben und Bakterien den Körper langsam in seine einzelnen Moleküle und Atome zersetzen und zu Erde transformieren.

Laut der Initiative Recompose waren in den vergangenen Jahren sechs Spender Teil der ersten Schritte dieser Bestattungsart und wurden in ihren kleinen Hügeln zu Erde. Wie die Zeremonien rund um diese ersten Gehversuche aussahen, kann ich nicht sagen, aber für die nähere Zukunft planen die Initiator*innen einen ersten größeren Gebäudekomplex, in dem, ähnlich den Abläufen in Krematorien, mehrere Prozesse parallel betreut werden können, ohne dass die Individualität der einzelnen Verstorbenen dabei aus den Augen gerät. Konkret stellen sie sich eine Anlage vor, die die technischen und biologischen Abläufe des Recomposing gewährleistet und zugleich einen angemessenen rituellen Umgang rund um den Prozess ermöglicht. Angehörige können in Abschiedsräumen Zeremonien abhalten und im Anschluss den verstorbenen Körper samt Decke auf das Pflanzenmaterial legen. Dieses Betten soll (so wird es in den Präsentationsfilmchen gezeigt) in den oberen Stockwerken der Anlage geschehen, so dass nach der Bettung innerhalb der dreißig Tage der Körper Stück für Stück, Kammer für Kammer in tiefere Stockwerke gelangt und am Ende des Prozesses die Erde in den unteren Ebenen entnommen wird. So soll auch sichergestellt werden, dass keine Durchmischung verschiedener Erden stattfindet.

Bei Erd- und Feuerbestattungen, also Bestattungen entweder mit einem Sarg oder mit einer Urne, ist der Grundgedanke der ökologischen Nachhaltigkeit und der des Überführens in den natürlichen Kreislauf zwar ähnlich, allerdings werden beide Punkte nur in den wenigsten Fällen wirklich erfüllt, zumindest aber entspricht die Realität hier nicht den allgemeinen Vorstellungen.

Sargbeschichtungen, Schrauben, Beschläge, Leim, die Innenausstattung des Sarges, das Material der Überurnen… an all diesen Punkten ist, trotz entsprechender Bestimmungen, immer wieder umweltbelastendes Material zu finden. Wie schädlich die Belastung für die Natur aufgrund dieser Punkte tatsächlich ist, ist Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Entscheidend finde ich hierbei, dass An- und Zugehörige beim Beauftragen einer Bestattung meist von umweltschonenden Materialien ausgehen, ihren Vorstellungen aber nur selten entsprochen wird. Nur wenige Bestatter*innen achten vollumfänglich auf die entsprechenden Details.

Auch der Übergang des Sarges und des Körpers oder der Asche in die Erde, entspricht in der Regel nicht dem, wovon An- und Zugehörige beim Bestatten ausgehen. Die Ruhefrist für Urnen und Särge beträgt auf den meisten Friedhöfen in Deutschland um die zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre. Diese Frist soll die vollständige Auflösung im Erdreich gewährleisten, bevor in dieser Grabstelle erneut beigesetzt werden kann und darf. Tatsächlich ist diese Ruhefrist in vielen Fällen allerdings zu kurz kalkuliert. Wie schnell oder langsam die Veränderung stattfindet, hängt von der Bodenbeschaffenheit des jeweiligen Friedhofs ab. So kann es sein, dass auch nach Ablauf der Ruhefrist Särge und Urnen in der Grabstelle zu finden sind, in dieser Grabstelle aber dennoch erneut beigesetzt werden darf, weil aus rechtlicher Sicht die Grabstelle leer ist. In diesen Fällen werden die verbliebenen Überreste etwas vertieft an gleicher Stelle vergraben, mancherorts werden die dann aufgefundenen Urnen der Grabstelle entnommen und in Sammelgrabstätten an anderer Stelle des Friedhofs beigesetzt. Es kommt auch immer wieder vor, dass Särge und Urnen nach der Ruhefrist zum Großteil oder ganz erhalten sind.

Diese Diskrepanz zwischen der allgemeinen Vorstellung und den tatsächlichen Gegebenheiten und Abläufen rund um die Bestattung, wäre mit dem Recomposing aufgehoben. Die Prozesse, auf die bislang stillschweigend vertraut und von deren Umsetzung ausgegangen wurde, werden mit dieser Bestattungsform unmittelbar erfahr- und begreifbar und vor allem transparent.

Ich stelle mir vor, dass es kontroverse Meinungen dazu gibt? Magst du dein persönliches Empfinden zum Vorgang des Recomposings mit uns teilen?

Ich sehe viele Gestaltungsmöglichkeiten rund um die Idee des Recomposing. Vor allem den prozessualen Charakter des Ganzen empfinde ich als unheimlich passend für den Umgang mit Trauer.

Bisher sind die Abläufe zwischen Tod und Bestattung relativ klar. Auch wenn es im jeweiligen Fall die je eigenen Vorstellungen gibt und zwischen Tod und Bestattung viele individuelle Gestaltungsmöglichkeiten existieren: am Ende steht die Beisetzung.

Wie wäre es, wenn es an dieser Stelle ein wenig weiter gehen würde, ohne dass ein Abschied dabei unabgeschlossen bleibt?

Mit einer Abschiedszeremonie, an deren Ende die verstorbene Person dem Pflanzenbett übergeben wird, würde mit der klassischen Trauerfeier ein ritueller Aspekt explizit gemacht werden, der bislang nur implizit Bestandteil der Bestattung ist. Zwar gibt es (besonders in religiösen) Ansprachen während Abschiedsfeiern auch den Hinweis auf die Rückführung der Verstorbenen in die Natur, als wirkliche Erfahrung, im Sinne einer selbst vollzogenen Handlung, bleibt dieser Punkt allerdings aus. Wie ich zuvor beschrieben habe, wird zwar davon ausgegangen, dass nach der Beisetzung ein solcher Übergang irgendwie stattfindet. Nachvollzogen werden kann das aber nicht.

Das Recomposing würde dem Abschiednehmen eine entschleunigende und bewusstere Dimension verleihen. Eine Abschiedsfeier bleibt als Ritual eine wichtige Handlung, um die sozialen, kulturellen und psychologischen Transformationen zu vollziehen, die der Tod fordert. Die bewusste Gestaltung auch der physischen Transformation der Verstorbenen, würde diese Aspekte nur unterstützen, indem sie das bislang Implizite bewusst greif- und handhabbar macht. An- und Zugehörigen wird so ein weiteres Stück Selbstwirksamkeit ermöglicht.

Ich fände es unheimlich interessant in Austausch darüber zu kommen, wie mit der neu entstandenen Muttererde umgegangen werden könnte. Ist sie dann so etwas wie Totenerde und gilt als unteilbar, so wie derzeit Totenasche? Würde diese Erde nur auf Friedhofsflächen beigesetzt werden? Wenn nein, wie steht es um Gedenkplätze für die Verstorbenen? Und wenn es Gedenkplätze für Verstorbene gäbe, deren Erde aber andernorts beigesetzt oder genutzt würde, was würde es psychologisch und rituell bedeuten, wenn diese Gedenkorte „nur“ symbolische Bedeutung haben?

Die Vordenker*innen des Recomposing stellen sich einen Übergang der neuen Muttererde in den natürlichen Kreislauf vor und zählen viele der eigentlich unzähligen Möglichkeiten auf, wie mit Muttererde verfahren werden kann.

Der Gedanke nach meinem Tod beispielsweise ein Baum zu werden, gefällt mir ehrlich gesagt.
Doch ist es so simpel, wie es klingt?

Ja und nein. Zwar verspricht die Initiative rund ums Recomposing, dass ein Körper binnen dreißig Tagen komplett zu Erde transformiert werden kann, und zwar samt der festen Bestandteile des Körpers, wie Knochenmaterial und Zähnen. Hinsichtlich der Zersetzung von Edelmetallen und Kunststoffen (bspw. Implantate, Prothesen, etc.) bin ich allerdings skeptisch, wobei fairerweise erwähnt sei, dass die Initiative Studien in Auftrag gegeben hat, die Auskünfte über genau diese Fragen geben sollen. Antworten stehen hier noch aus.

Doch selbst wenn sich herausstellen sollte, dass diese Bestandteile des Körpers nicht zu Erde werden (können), wäre ich ein Befürworter dieser Bestattungsmethode. Der Erd- oder Feuerbestattung stünde sie mit diesem Punkt jedenfalls in nichts nach, da bei Erdbestattungen auch alle Bestandteile des Körpers beigesetzt werden und bei Feuerbestattungen die nach der Einäscherung noch vorhandenen Metalle und Kunststoffe der Totenasche (im Regelfall) entnommen werden (obwohl die gesetzlichen Bestimmungen anders lauten, denn das, was aus dem Ofen kommt, gilt als Totenasche und eigentich als unteilbar), bevor die Asche fein gemahlen wird. Ähnlich den Abläufen in Krematorien, könnten auch beim Recomposing die übrigen Bestandteile entnommen werden und mit deren Gewinn gemeinnützige Initiativen unterstützt werden.

Denkst du, es ist realistisch deinen Wunsch bald erfüllt zu sehen?

Auch da: ja und nein. Einerseits mahlen die Mühlen des Rechts in Deutschland sehr langsam und hinken im Bestattungsrecht der Realität der Bedürfnisse weit hinterher. Dass bspw. der Friedhofszwang relevante Überlegungen rund um die Bestattung abdeckt, die auf jeden Fall bedacht und diskutiert werden sollten (eine Anlaufstelle für alle, die Abschied nehmen wollen, Wahrung der Totenruhe, würdevoller Umgang mit Verstorbenen als kulturstiftendes Element, etc.) möchte ich nicht in Abrede stellen. Dennoch ist es in der Praxis so, dass seit mittlerweile Jahrzehnten Bestatter*innen An- und Zugehörigen die Urnen auf Wunsch übergeben, damit diese sie dann an anderen Orten beisetzen oder mit nach Hause nehmen können. Diese faktisch gesetzeswidrige Handhabe hat nach jahrelangen Anstrengungen zu minimalen Änderungen in wenigen Bestattungsgesetzen einzelner Bundesländer geführt. In Bremen ist es nun unter sehr spezifischen Umständen möglich, Urnen auch auf Privatgrundstücken beizusetzen und in Nordrhein-Westfalen können An- und Zugehörige Urnen an sich nehmen, wenn sie sie zum Beisetzungsort überführen. Und weil die Gesetze das Aushändigen von Urnen eigentlich untersagen, suchen Bestatter*innen rechtliche Schlupflöcher, um im Zweifel einigermaßen abgesichert zu sein. Immer wieder wird der formelle Weg über das Ausland, meist die Schweiz, gewählt. Bestatter*innen lassen sich von ihren Auftrageber*innen unterzeichnen, dass diese die Urne in einer sich in der Schweiz befindlichen Grabstätte beisetzen und übergeben dann die Urne. Da es keine Kontrollinstanz gibt, die faktisch überprüft, ob das dann auch tatsächlich stattfindet, kann ab diesem Zeitpunkt mit der Urne anders verfahren werden. Das Problem: Es gilt immer das Bestattungsgesetz des Bundeslandes, in dem sich die Urne gegenwärtig befindet. Die Urne müsste also, rein rechtlich gesehen, trotzdem innerhalb der Beisetzungsfrist des jeweiligen Bundeslandes beigesetzt werden und sie dürfte auch trotzdem nicht übergeben werden. Dieses vermeintliche Schlupfloch ist im Grunde also keines und führt sowohl Bestatter*innen als auch deren Auftraggeber*innen in unschöne, gesetzeswidrige Grauzonen.

Damit möchte ich verdeutlichen, dass eine Anpassung des Rechts hinsichtlich liberalerer Vorstellungen im Umgang mit dem Tod, in Deutschland ein heikles Thema ist, obwohl die realen Wünsche sich seit vielen Jahren wandeln.

Andererseits sind genau diese realen Wandlungen im Umgang mit dem Tod Grund zum Optimismus. Seit den 1980ern erscheinen immer mehr Bestatter*innen auf der Bildfläche, die die Hinwendung zu den Wünschen der An- und Zugehörigen wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Nicht, dass andere Kolleg*innen das nicht auch täten, nur findet seither eine stärkere, auch öffentliche Verhandlung dieser Wünsche statt. Abweichungen werden immer seltener als obskur oder eigentümlich angesehen, sondern schlicht als individueller Ausdruck des eigenen Trauerwegs.

Und wenn im Zuge dieses offeneren Umgangs der Wunsch nach mehr Transparenz, mehr eigener Verfügbarkeit über den Tod und mehr Gewissheit über die Rückführung in den natürlichen Kreislauf laut wird, ist das dann nicht vollkommen… normal?

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